Norwegen – … und ich lebe noch – Die Strömung

i0064 Während dieses Urlaubs fuhr ich in den Norden Norwegens. Dort gibt es die Inselgruppe der „Lofoten„. Sie sind auch heute noch ein kleiner Geheimtipp für Norwegenbesucher. Es gibt nicht viele solch landschaftlich reizfolle Gegenden in dieser Welt. Es gibt herrliche Strände und steile wild in den Himmel aus dem Meer ragende Berge. Die Menschen sind nett und die Häuser bunt. In einem schönen Sommer kann ich mir fast keinen schöneren Platz vorstellen an dem ich meine Zeit verbringen mag.

Um auf die Lofoten zu gelangen, war ich auf eine Fähre angewiesen, das so genannte Postschiff. Diese Schiffslinie verbindet den Süden Norwegen mit dem Norden. Neben seinem historischen Zwecke dem Transport von Post, Gütern und Lebensmitteln, sind die Hurtigruten heute für den Tourismus sehr bedeutend und auf jeden Fall eine Reise wert. Auch als Transportmittel, um die Küste abzuklappern und die verschiedenen Regionen zu erkunden, bietet sich diese Linie bestens an. Für mich war sie nur das Transportmittel, um von Bodø auf die Lofoten zu gelangen.

Die Überfahrt war erfreulich ruhig und so konnte ich die Reise ohne Seekrankheit überstehen und das kleine Fischerdorf, welches wir erreicht hatten von der ersten Minute an genießen.

Auf dem Weg zur Jugendherberge, vielen mir neben den vielen hübschen Häusern gleich die Gestelle ins Auge die es über all zu sehen gab. Dank div. Fernsehdokumentationen konnte ich sie relativ leicht identifizieren. Auf diesen Gestellen wurden Fische zum Trocknen auf gehangen und entwickelten sich dabei zu einem beliebten Lebensmittel, dem Stockfisch.

Bis zur Jugendherberge war es nur ein kurzer Spaziergang. Zu meiner Freude stelle ich fest, dass sich um eine der div. Fischerhütten handelte und dadurch mehr als freundlich und urtümlich auf mich wirkte. Ich freute mich gleich darauf mich hier einzuquartieren.

i0054Es war die Zeit der Mitternachtssonne. Dies bedeutete, dass es nie wirklich dunkel wurde. 24 Stunden am Tag gab es genügend Licht. Aus diesem Grunde schliefen die Besucher der Herberge zu sehr seltsamen Zeiten.
Meist standen sie erst gegen Mittag auf, dafür waren sie jedoch bis zum frühen Morgen mit verschiedensten Dingen beschäftigt. Für die Frischlinge in der Herberge, so wie mich, war dies etwas verwunderlich.

Eine der Beschäftigungen bestand darin, im Hafen Fische zu fangen, um sie dann in der Herberge zum Verzehr vorzubereiten.

Auch ich schloss mich einmal solch einem Angelausflug an, wenngleich dies mein aller erster Versuch zu Angeln in meinem Leben war. Um so erstaunter war ich, dass ich sogar etwas fing und dies sogar, obwohl ich lediglich den Hacken ohne jeden Köder ins Wasser hielt. So kam ich zu einem kostenfreien und sehr leckeren Mahl.

Es gefiel mir in der Herberge zwar, doch wollte ich die Inselgruppe der Lofoten noch etwas nähre kennenlernen. Aus diesem Grunde fuhr ich mit einem Bus zu einem Ort mehr am Ende der Inselgruppe.

Als ich den Ort erreichte, stellte sich heraus, dass das Hotel und der Zeltplatz von einem Feuer zerstört worden war. Doch erlaubte mir der Besitzer, sein Grundstück dennoch zu nutzen und ich konnte mein Zelt aufstellen wo immer ich wollte.

i0075Ich entschied mich für die Strand nähe, obwohl ich mir wegen des sehr stürmischen Windes dort ein klein wenig Sorge bezüglich meines Zeltes machte. Ich vertraute darauf ein ordentliches Zelt erworben zu haben, versank die Heringe tief im sandigen Untergrund und wartete ab, was passieren würde. Tatsächlich erwies sich mein Zelt als Sturm tauglich.

Während meiner Zeit auf diesem Zeltplatz, hatte ich großes Glück mit dem Wetter. Es schien zumeist die  Sonne und auch Wolken verzogen sich zumeist am frühen Morgen. Auf diese Weise zeigte das Gebiet sich von der nur erdenklichst schönsten Seite. Als besonderes Highlight freute ich mich auf das Erleben der Mitternachtssonne, denn von meinem Zelt konnte ich über das Meer genau auf jenen Punkt blicken an dem die Sonne ihren niedrigsten Stand über dem Horizont erreichen sollte, bevor sie wieder begann den neuen Tag einzuleiten.

In einer Nacht stand ich deshalb gegen Mitternacht auf, um mir den „Sonnenuntergang“ anzusehen. Die Sonne sank zusehends, doch als sie den Horizont fast erreicht hatte, begann sie sogleich wieder mit ihrem Aufstieg. Es war wirklich beeindruckend und wunder schön. Leider blies ein unerbittlich kalter und starker Wind, so dass ich alsbald lieber wieder in meinem Zelt verschwand.

Ich erkundete in den folgenden Tagen noch die nähere Umgebung und wurde ein immer größerer Fan von den landschaftlichen Schönheiten. So schmerzte es schon etwas, als ich dazu entschied zu meinem Ausgangsort auf den Lofoten und der dortigen Jugendherberge zurückzukehren.

Wenn die Reise hierher via Bus wirklich komfortabel war, so wurde meine Rückreise durchaus etwas beschwerlich, denn es gab an diesen Tagen keinen Bus mit dem ich die Rückreise hätte bewerkstelligen können. Mir blieb nichts weiter übrig, als die Strecke zu Fuß zurückzulegen.

So packte ich alles zusammen, schulterte meinen Rucksack und begann den Marsch. Der mir schon frühzeitig eine Überraschung bereitete. Ich erreichte nämlich eine Bucht, an der sich das Meer tief in die Inseln gegraben hatte. Blickte ich über die Bucht hinweg, so sah ich jene Straße auf der mein Weg weiter führen sollte. Auch wenn diese Bucht nur etwa 100 Meter breit war, verhinderte sie den direkten weg. Ich musste wie alle der Straße folgen, die sich um die Bucht herum schlängelte. Dies verlängerte meine Weg wirklich deutlich und ich verstand warum ich an diesem Tage 30 Kilometer Weg zurück legen musste, um mein Ziel zu erreichen.

Als ich schließlich die Herberge wieder erreichte, befanden sich viele neue Gäste in ihr und sie schienen auch erst in den letzten Tagen angekommen zu sein, denn alle hielten sich noch an den normalen Tag- / Nachtrhythmus. Auch schien es nicht bekannt zu sein, wie herrlich man Fische im Hafenbecken angeln konnte.

i0103Dies begeisterte ein Mädchen aus Südafrika so sehr, dass sie es gleich mal ausprobieren wollte. So hockten wir uns in eines der Boote, ruderten in den Hafen, hielten unsere Angelschnüre ins Wasser und fingen natürlich überhaupt keinen einzigen Fisch. Ich gebe  zu, es war mehr als frustrieren.

In die Herberge zurückgekehrt erzählten wir von unserem Pech. Diese Schilderung nahm ein junger Belgier zum Anlass, uns auf die Möglichkeit hinzuweisen, eine richtig lange Angelschnur zu mieten und bei Flut hinaus aufs offene Meer zu rudern, um dort unser Angelglück zu versuchen.

Ich fragte das Mädchen, ob sie mitkommen wolle und da sie diesem Unternehmen zustimmte verabredeten wir uns für den späten Abend.

Als die Flut gegen Mitternacht ihren höchsten Stand erreicht hatte, machten wir uns auf unser Angelglück zu versuchen. Doch bevor wir dieses Glück einforderten, mussten wir ein anderes Problem lösen, denn das Wasser war so hoch gestiegen, dass der Steg, an dem das Boot lag, ganz von Wasser überspült war. Es wurde so wahrlich ein Akt verhältnismäßig trocken in das Boot zu klettern und den Angelausflug zu beginnen.

Innerhalb des Hafens klappte alles noch wunderbar. Wir ruderten und kamen gut vorwärts. Schließlich erreichten wir die Hafenausfahrt und schon hier merkten wir, das es etwas unruhiger wurde. Ok, eigentlich mussten wir uns ordentlich festhalten, damit wir im Boot blieben und rudern konnten..

Wir ruderten bis etwa 50 Meter vor den Hafen. Dort versuchte das Mädchen zu Angeln und ich ruderte, damit wir nicht all zu weit abgetrieben würden. Sie war so sehr in das Angeln und ich in das Rudern vertieft, dass wir nicht bemerkten, dass wir trotz meiner ruder Versuche nach und nach abgetrieben wurden.

Als wir es schließlich bemerkten, erschraken wir schon etwas und stellten sofort das Angeln ein und schauten erst einmal, ob wir irgendwo noch den Hafen sehen konnten, was nicht wirklich der Fall war. Uns wurde klar, dass wir uns in einer echt üblen Situation befanden und es wohl viel Arbeit kosten würde zurück ans Land zu gelangen. Zum Hafen zurück zu kommen, daran wollten wir schon jetzt kaum glauben.

Da ich alleine nicht gegen die Gewalten ankam, hockte sich das Mädel neben mich, jeder packte ein Ruder und nun versuchten wir gemeinsam dem Land und der Rettung näher zu kommen. Doch anstatt, dass sich die Situation besserte, verschlimmerte sie sich, denn wir wurden mehr und mehr abgetrieben und das Land wurde zusehends kleiner.

Ich nahm die Bedrohlichkeit der Situation natürlich auch wahr, doch versuchte ich sie nichts davon merken zu lassen, denn in ihren Augen und ihrer Stimme manifestierte sich ein gehöriges Maß an Panik. Mit ruhigen Worten versuchte ich sie zu beruhigen, doch wirken tat es nicht wirklich.

Während wir gegen die Wellenberge an ruderten, grübelte ich unter Hochdruck was wir nur machen könnten, um aus dieser verzwickten Situation heraus zu kommen. Als einzige Lösung sah ich, irgend wie zu versuchen wieder in Richtung Land zu runder, doch viel Hoffnung hatte ich wirklich nicht und so musste ich eingestehen, dass wir wirklich in der Klemme saßen.

Während ich die Situation weiter durchdachte, entdeckte ich in einiger Entfernung das Licht eines  Fischerbootes. Zu meinem Erstaunen kam es sogar immer näher an uns heran und schließlich war es sogar in Rufnähe. Schnell stellte sicher heraus, dass man zu unserer Rettung gekommen war und dass es sich um den Herbergsvater handelte, der solch eine Situation schon  hatte kommen sehen.

In der ganzen Zeit, in der wir uns draußen auf dem Meer abmühten, hatte man uns beobachtet und dabei recht früh festgestellt, dass wir uns unaufhörlich in eine schwierige Situation brachten und so hatte man gleich das Fischerboot bestiegen, um die Opfer von Wind und Wellen einzufangen.

i0078Auch wenn man uns nun wohlwollend in Schlepp nahm, wollte man uns doch noch zeigen worauf wir uns eingelassen hatten. Denn man setzte den Kurs so, dass wir in der rauhen See ordentlich durchgeschüttelt wurden. Ich kam mir vor, als würde ich auf einem wild bockenden Pferd sitzen, was mich unbedingt loswerden möchte. Es störte mich aber in keinster Weise, denn die Erleichterung über die glückliche Wendung dieses Abenteuers überwog all das.

Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, hatte ich kurz die Überlegung, ob ich auf die Knie sinken soll und den Boden küssen. Doch so schnell die Idee aufkeimte, war sie auch schon wieder verschwunden.

Ich war mehr als erleichtert, als wir schließlich wieder im Hafen und bei der Herberge waren.

An diesem Abend und dem nächsten Tag mussten wir uns einiges an spitzen Bemerkungen anhören. Keine der Bemerkungen war bösartig und so nahm ich es wie es gemeint war, als Amüsement für alle

Noch heute denke ich ab und zu darüber nach, wo wir wohl gelandet wären, wenn man uns nicht eingefangen hätte. Vielleicht in Grönland?